Einsamkeit: Wenn Stille zum ständigen Begleiter wird

Stiller Abend am Fenster, Quelle: ChatGPT

Einsamkeit: Wenn Stille zum ständigen Begleiter wird

Eigentlich gehört dieser Text auf meine "Über mich"-Seite. Was hier kommt, ist persönlicher als alles, was ich sonst über mich schreibe. Für eine Selbstbeschreibung wurde er dann aber zu lang, also bekommt er hier seinen eigenen Platz.

Wenn niemand mehr fragt, wie es dir geht

Es gibt diesen Moment am Abend, wo mir auffällt, dass den ganzen Tag niemand etwas von mir wollte. Keine Nachricht, kein Anruf, keine Frage, kein "hast du kurz Zeit". Das klingt zunächst entspannt, fast wie ein Privileg in einer Welt, die sonst so laut nach Aufmerksamkeit ruft. Aber es ist kein Privileg, wenn es jeden Tag so ist. Dann ist es etwas anderes. Dann ist es das langsame Verschwinden aus dem Leben anderer Menschen.

Ich schreibe diesen Text, weil das Thema Einsamkeit fast immer falsch verhandelt wird. Es wird behandelt wie ein vorübergehender Zustand, den man durch ein paar gute Ratschläge auflösen kann. Mehr unter Leute gehen. Einem Verein beitreten. Hobbies finden. Diese Tipps sind nicht falsch, aber sie setzen Voraussetzungen voraus, die nicht jeder hat. Sie funktionieren für Menschen, deren Leben noch nicht aus den Strukturen gefallen ist, in denen Kontakte einfach so entstehen. Für andere klingen sie wie Hohn.

Es war nicht immer so

Wichtig ist mir, zu sagen: Ich war nicht immer einsam. Im Gegenteil. Während meiner Studienzeit lebte ich im Wohnheim, und da war eigentlich immer etwas los. Man traf sich auf dem Flur, in der Küche, am Wochenende auf irgendeiner Party. Auch in den Jahren danach gab es eine Zeit, in der das soziale Leben fast nebenbei lief. Es gab den festen Freundeskreis, mit dem man jede Woche in den Club oder die Kneipe ging. Tiefe Freundschaften im großen Sinn waren das vielleicht nicht, aber es reichte. Man fühlte sich eingebunden, mitgemeint, zugehörig.

Was ich damals nicht verstanden habe: Diese Form von Sozialleben wurde von äußeren Strukturen getragen, nicht von dem, was ich aktiv getan habe. Das Wohnheim, die Stadt, die Lebensphase, in der alle in einer ähnlichen Lage waren. Diese Strukturen halten viele Menschen durch ihr junges Erwachsenenleben, ohne dass sie es merken. Erst wenn die Strukturen weg sind, merkt man, was darunter wirklich gewachsen ist.

Bei mir war es nicht viel. Die Leute aus der Club-Zeit heirateten, bekamen Kinder, zogen weg, fanden andere Freundeskreise über ihre Familien. Das ist kein Vorwurf, das ist einfach das, was passiert. Nur dass die meisten anderen offenbar parallel noch andere Verbindungen hatten, ein zweites Netz, in das sie fielen, als das erste sich auflöste. Ich hatte das nicht. Ich habe vermutlich versäumt, früh genug Freundschaften zu pflegen, die auch dann noch tragen, wenn sich die Lebensphasen ändern. Heute habe ich aus dieser ganzen Zeit zu niemandem mehr Kontakt.

Was bei mir dazukam

Ich erzähle das nicht, um Mitleid zu erzeugen, sondern weil es zur Geschichte gehört. Meine Mutter starb, als ich 16 war. Mein Vater wenige Jahre später, ich war Anfang zwanzig. Mein Bruder hat irgendwann den Kontakt abgebrochen, ohne Begründung, einfach so. Eine Tür, die zugefallen ist und niemand erklärt dir, warum.

Andere bauen ihr Erwachsenenleben auf einem Grundnetz auf, das sie selten benennen, weil es einfach da ist. Eltern, die anrufen. Geschwister, mit denen man Weihnachten verbringt. Eine Familie, die einen mitdenkt, auch wenn man gerade nicht da ist. Dieses Netz hatte ich nicht mehr, und während die Freunde aus früheren Jahren in ihre eigenen Familien hineinwuchsen, gab es bei mir keine entsprechende Bewegung. Es gab nur das langsame Stillerwerden.

Dann kam Corona. Plötzlich war das Büro weg, die Mittagspausen mit Kollegen, die kleinen Begegnungen im Treppenhaus. Was vorher noch ein Rest von täglicher Begegnung war, wurde durch ein Headset ersetzt. Stimmen ohne Gesichter. Ich wusste damals nicht, dass das Homeoffice für mich nicht mehr enden würde. Drei Jahre später bekam ich die Diagnose CMT, eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die meine Gehfähigkeit zunehmend einschränkt. Seitdem ist Homeoffice keine Option mehr, sondern Notwendigkeit.

Die unsichtbare Voraussetzung von Freundschaft

Kaum jemand sagt, dass Freundschaft eine unsichtbare Voraussetzung hat: Spontaneität. Die Fähigkeit, zu sagen "ja, klar, ich komme rüber" oder "lass uns am Samstag was machen". Diese Selbstverständlichkeit, die das soziale Leben anderer Menschen trägt, habe ich nicht mehr. Wenn ich irgendwo hin will, ist das ein Projekt. Wege müssen geplant werden, Energie eingeteilt, Pausen mitgedacht. Das, was bei anderen ein Impuls ist, ist bei mir eine Logistik.

Und Logistik passt nicht zu Freundschaft. Freundschaft lebt von kleinen Bewegungen, vom Vorbeischauen, vom unkomplizierten Treffen. Wer schwerer erreichbar ist, fällt aus dem Alltag anderer raus. Wer aus dem Alltag anderer rausfällt, wird seltener mitgedacht. Wer seltener mitgedacht wird, taucht irgendwann nicht mehr in den Plänen auf. So einfach ist die Mechanik, und sie wirkt unaufhaltsam.

Es gibt aber noch eine zweite Schicht, und die ist schwerer zu beschreiben. Es ist nicht nur die Frage, wie viele Menschen in meinem Leben sind. Es ist die Frage, für wen ich überhaupt wichtig bin. Das sind verschiedene Dinge. Man kann Kontakte haben, mit denen man höflich plaudert, und trotzdem das Gefühl, dass es niemandem auffallen würde, wenn man morgen nicht mehr da wäre. Diese Form von Einsamkeit ist nicht quantitativ, sondern qualitativ. Sie lässt sich nicht durch mehr Begegnungen lösen, weil das Problem nicht die Anzahl ist, sondern das Gewicht.

Was dir eine Partnerschaft gibt

Wenn ich an Einsamkeit denke, geht es nicht nur um fehlende Freunde. Es geht auch um das, was eine Partnerschaft eben einfach mitbringt und was als Single fehlt. Und damit meine ich nicht die große Romantik, sondern die kleinen Sachen im Alltag, über die man eigentlich nie redet.

Zum Beispiel die Frage am Abend, wie der Tag so war. Klingt banal, und in Beziehungsratgebern wird sie meistens als Beispiel für eingeschlafene Routine genannt. Aber erst wenn keiner mehr fragt, merkt man, wie viel da eigentlich dranhängt. Sie heißt: Da ist jemand, den interessiert, was du heute erlebt hast. Da denkt jemand außer dir an deinen Tag. Wenn die Frage fehlt, fehlt nicht nur das Reden. Es fehlt das leise Zeichen, dass dein Leben für jemanden zählt.

Dann ist da die körperliche Nähe. Und damit meine ich erstmal noch gar nicht Sex, das kommt gleich. Ich meine Berührungen an sich. Eine Hand auf der Schulter, ein Arm um dich, jemand, der neben dir auf dem Sofa sitzt. Wer keinen Partner hat, wird manchmal monatelang nicht berührt. Und das macht was mit dir, was schwer zu beschreiben ist. Irgendwann merkt der Körper selbst, dass da was fehlt, was er eigentlich braucht. Es ist kein richtiger Schmerz, eher so ein leiser Mangel, den man oft erst merkt, wenn man mal wieder berührt wird, zum Beispiel beim Friseur oder beim Arzt. Dann fällt dir auf, wie selten das geworden ist.

Thema Sex. Ich finde, das sollte man in so einem Text auch ansprechen dürfen, ohne dass es peinlich wird. Sex ist nicht nur ein nettes Extra in einer Beziehung. Er ist eine eigene Art von Nähe, die du durch nichts anderes ersetzen kannst. Wer keinen Partner hat, hat meistens auch keinen Sex. Und das gehört dazu, wenn man ehrlich über Einsamkeit redet. Es ist nicht das Wichtigste, aber es ist auch nicht nichts. Und je länger es fehlt, desto klarer wird dir, dass auch das eine Form von Nähe ist, die dir entgeht.

Fazit

Es gibt kein einfaches "Fazit" an dieser Stelle. Ich kann diesen Text nicht mit einem Aufruf beenden, dass alles wieder gut wird, wenn man nur an sich arbeitet. Das wäre nicht ehrlich. Es gibt Lebenslagen, in denen die Mittel, die anderen helfen, schlicht nicht zur Verfügung stehen. Ich kann nicht "einfach mal raus", wenn rausgehen ein körperlicher Kraftakt ist. Ich kann nicht "neue Leute kennenlernen", wenn die Orte, an denen das passiert, für mich unerreichbar geworden sind. Ich kann auch keine Familie zurückholen, die nicht mehr da ist.

Was ich aber sagen kann, ist, dass das Sichtbarmachen selbst etwas tut. Solange niemand über Einsamkeit spricht, weil es sich anfühlt wie Versagen oder Selbstmitleid, bleibt sie ein privates Problem in tausend einzelnen Wohnungen. In dem Moment, in dem sie ausgesprochen wird, hört sie auf, ein Makel zu sein. Sie wird zu dem, was sie wirklich ist: eine Folge von Strukturen, die für manche Menschen tragen und für andere nicht.

Vielleicht liest jemand diesen Text, der sich genauso fühlt. Der morgens das gleiche Schweigen erlebt und abends die gleiche Stille. Dem ähnlich klar geworden ist, dass die Ratschläge, die immer wieder gegeben werden, an seiner Lebensrealität vorbeigehen. Dann möchte ich, dass dieser Mensch weiß: Du bist nicht allein damit, allein zu sein. Das ist kein Trost, der etwas auflöst. Aber es ist mehr als nichts.